Brennpunkte

15 Jahre Insolvenz der Lehman Brothers Bank

  • Redaktion - 15. Februar 2023

Interview mit Alexander Surminski (immocation.de)

Wie haben Sie 2007/08 die Insolvenz der Lehman Brothers Bank – damals die weltweit viertgrößte Investmentbank - persönlich erlebt?

Damals arbeitete ich als Angestellter im Derivatebereich der ABN AMRO Bank, die während der Krise enorm ins Schlittern geraten ist. In unseren jeweiligen Divisions waren wir Beschäftigte damals unmittelbar von den Umwälzungen betroffen, die mit dem Fall Lehman Brothers einhergingen.

Konkret wurde es, als die ABN AMRO selbst nach der Übernahme durch ein Bankenkonsortium im Oktober 2007 im letzten Moment gerettet wurde. Diese Umstrukturierung galt damals aufgrund des im Raum stehenden Volumens als größte Bankenfusion der Geschichte. Meine Abteilung ist beispielsweise zur Royal Bank of Scotland übergegangen.

Vermeintlich weit entfernte Fernsehbilder wurden so zu durchaus wahrscheinlichen Szenarien für die eigenen Lebensrealitäten: Entlassene Mitarbeiter der Lehman Brothers Bank vor der Hauptniederlassung im New Yorker Finanzdistrikt hätten am nächsten Tag auch wir als solide Investmentbank in Europa sein können.

Worin bestanden Ihrer Meinung nach rückblickend betrachtet die Ursachen für die Pleite sowie die damit verbundene internationale Finanzkrise?

In der Retroperspektive betrachtet ging die Krise sehr weit vor 2007 in den USA los: Platzen ließ die Immobilienblase schlussendlich die lockere Kreditvergabe, die es auch bonitätsschwächeren Menschen ermöglichte, am Kapitalmarkt zu partizipieren. Dieser Mechanismus ist nicht erst ad-hoc aufgekommen, sondern galt als jahr- wenn nicht jahrzehntelange Praxis in den Vereinigten Staaten. Das Hauptproblem ist insofern nicht über Nacht gekommen.

US-Bürgern, die sich das Eigenheim eigentlich gar nicht leisten konnten, wurden dennoch Kredite für den Kauf freigegeben. Der Kredit an sich konnte jedoch in keiner Weise bedient werden.

In der Folge wurden die daraus resultierenden Verbindlichkeiten der bonitätsschwächeren Käufer nicht beglichen. Es fehlte an notwendigem Eigenkapital und die Banken blieben auf den offenen Summen sitzen. Das Problem bestand darin, dass aufgrund des Anstiegs der Immobilienpreise die Immobilien weiter nachbeliehen werden konnten. Dies trat in der großen Mehrheit der Fälle auch ein. Die Kreditlast türmte sich so stetig bis ins Unendliche auf.

Insofern mischten sich exzessiv steigende Immobilienpreise mit den Verbriefungen von Kreditrisiken, welche auch noch von Ratingagenturen mit guten Noten versehen waren.

Diese Kredite wurden in eigens dafür gegründeten Zweckgesellschaften ausgegliedert und dann weiterverkauft. Rückwirkend betrachtet waren das perfide Bilanztricks und endeten in der Insolvenz der Lehman Brothers Bank, die als nicht systemrelevant erachtet wurde. Das Ende in die unkontrollierte Insolvenz nahm so seinen Lauf.

Da das internationale Bankensystem bereits in dieser Phase auch noch weltweit miteinander verflochten war, reduzierten sich die Konsequenzen nicht nur auf den Finanzstandort USA. Es blieb kein regionales Phänomen, dass vor nationalen Grenzen Halt machte.

Als zum 15. September 2008 bei Lehman die Lichter ausgingen, löste dies erst den Anfang einer brandgefährlichen Kettenreaktion aus. Liquiditätskrisen verschlimmerten sich nahezu in der gesamten westlichen Welt – ein noch nie gekannter Vertrauensverlust in die gesamte Finanzbranche nahm Gestalt an.

War der Finanzstandort Deutschland damals krisenresilienter als z.B. die Pendants in den USA?

Absolut und das lag vordergründig an den regulatorischen Rahmenbedingungen, die unseren Markt in dieser extrem harten Marktphase geprägt haben.

Zum einen wurden die Märkte hier schon damals streng reguliert. Für viele Investoren ein vermeintlicher Nachteil. Im Endeffekt die Rettung vor echten Horroszenarien. Die Vorstellung, dass willkürlich Kredite an Bundesbürger ohne Bonität vergeben werden könnten, war schon zu diesen Zeiten völlig undenkbar.

Vielmehr wurde vorausgesetzt, dass Käufer über einen hohen Eigenkapitalanteil verfügten, damit das Risiko von unendlichen Verbindlichkeiten gar nicht erst entstehen konnten. Die solide Besicherung von Krediten entschied so über die Transaktion.

Wir waren den US-Amerikanern in der Hinsicht einen Schritt voraus. Echte Krisenresilienz musste insoweit gar nicht erst entwickelt werden. Obwohl die Langzeitfolgen der Finanzkrise ohne Rettungspakete deutlich schwieriger austariert gewesen worden wären.

Welche Veränderungen durch Politik und Wirtschaft haben die Auswirkungen der damals größten Rezession seit über sechzig Jahren eingegrenzt?

Die überlebenswichtige Maßnahme überhaupt bestand damals eindeutig in der politisch vorangetriebenen Stabilisierung der Finanzmärkte. Banken wurden zwar mit Rekordsummen in Höhe von beispielsweise 800 Mrd. US-Dollar in Amerika und 500 Mrd. EUR in Deutschland gerettet, was zweifelsohne den Unmut in Teilen der Gesellschaft provozierte. 

Dennoch wurde unser gesamtes Finanzsystem durch diese Milliarden vor noch schlimmeren Auswirkungen bewahrt. Diese wären weit über Insolvenzen von Geldhäusern hinausgegangen und hätten sowohl Wirtschaft als auch Arbeitsmarkt extrem unter Druck gesetzt. Millionen Arbeitslose und wirtschaftlicher Niedergang wäre nur logisch gewesen.

Im Schatten davon, aber für Entscheider in den Banken ebenfalls wichtig, war die Überarbeitung des Baseler Rahmenwerks zwischen 2010 und 2011. Höhere Eigenkapitalquoten wurden zur Norm. Risiken an den Finanz- und Immobilienmärkten konnten spürbar gesenkt werden.

Banken wiederrum mussten transparenter und liquider werden, um in zukünftigen Schwankungsphasen gewappnet zu sein. “Basel 2.5” wie es in Fachkreisen hieß, wurde in der Rückschau kaum erwähnt, spielt aber für die Aufarbeitung der Krise eine zentrale Rolle.

Schlussendlich setzte die Europäische Zentralbank (EZB) dieser Phase ihren Stempel auf: Die Nullzinspolitik ab Anfang der Zehnerjahre ebnete die Zeit des billigen Geldes.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Die Nachfrage auf staatlicher und unternehmerischer Seite nach Krediten stieg wieder an. Erspartes verlor durch den niedrigen Zins immer mehr an Wertigkeit. Gerade zwischen 2011 und 2013 gipfelte diese Dynamik in den Beinahe-Staatsbankrots in südeuropäischen Ländern.

Welche Langzeitfolgen resultierten aus der Krise für das Finanz- und Immobiliensegment?

Mit der Europäischen Bankenunion betrat ab 2014 ein Akteur das Feld, der die internationale Finanzwirtschaft komplett neu regelte. Die Einführung einer zentralen Bankenaufsicht zur Einhaltung finanzpolitischer Verfahren wurde durch die vergemeinschaftete Haftung für illiquide Banken ergänzt. Die Architektur der europäischen Währungsunion erfuhr so eine dringend notwendige Erfrischungskur.

Parallel dazu wurde Regulierung nicht mehr als Hemmschuh auf Investorenseite gesehen. Eher wurde der Mehrwert von notwendigen Automatismen zur Verringerung von Risiken dankend angenommen. 2007/08 unter manchen Immobilieninvestoren ein Nachteil und kurz danach ein überlebenswichtiger Rettungsanker.

Was bedeutete diese kritische Marktentwicklung unmittelbar und bis heute für das Geschäft mit Immobilien? 

Banken haben in den Folgejahren ihre Anforderungen an interessierte Käufer massiv angekurbelt. Kreditwürdigkeit wurde für den Kauf einer Immobilie zum relevantesten Faktor. Ein hypothetischer Preiszuwachs, der den Kredit am Ende zur Not tilgen könnte, war von nun an kein valides Kriterium mehr. Doch damit nicht genug. Nachgelagert mussten weitere Aspekte geklärt sein, bevor die Kreditvergabe zwischen Bank und Käufer überhaupt zustande kommen konnte:

Sind sämtliche Bonitätsunterlagen vorhanden? Welche Vision verfolgt der Käufer mit der Immobilie? Welche Transaktionen wurden mit welchen Ergebnissen in der Vergangenheit abgeschlossen? Nur wer bei diesen Fragen zusätzlich liefern kann, kommt im nächsten Schritt auch wahrscheinlich erst an die Kreditvergabe.

Ich würde sogar so weit gehen und resümieren, dass der heterogene Immobilienmarkt in Deutschland durch die Lehman Brothers Insolvenz profitierte. Etliche Neuerungen – sowohl auf Mikro- als auch auf Makroeben, beschleunigten eine Professionalisierung und machen riskante Geschäfte denkbar unattraktiv.

Kann eine erneute Krise mit vergleichbaren Ausmaßen erneut auftreten oder schließen internationale Regulierungsmechanismen das für die Zukunft aus?

Ich kann mir Stand heute nicht vorstellen, dass sich eine Krise wie 2007/08 mit gleichen Erscheinungen wiederholen kann. Dafür wurden zu viele prophylaktische Schutzmechanismen in Europa und den USA installiert. Selbst die Unsicherheiten rund um Evergrande 2021/22 in einem 2007/08 noch nicht so wettbewerbsfähigen Markt wie China, hat keine Allarmglocken in Richtung einer neuen Finanz- und Immobilienkrise läuten lassen.

Heute sind es die Faktoren Coronapolitik im asiatischen Raum oder der Krieg in Europa, welche das Potential haben, weitere Krisen mit historischen Ausmaßen auszulösen.

Zumal die Finanzwirtschaft seit 2007/08 noch interdependenter geworden ist. Regionale Marktschwankungen können so sehr schnell in einem Flächenbrand enden. Das lässt sich auch heute an praktischen Beispielen festmachen: Rohstoffe, die immer teurer werden, drücken in Verhandlungen mehr und mehr den Kaufpreis. Inwieweit diese jetzige Dynamik noch historische Ausmaße annimmt, werden wir daher sicherlich in naher Zukunft erst sehen.

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