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Polizeieinsatz zur Verlegung von Flüchtlingen in neues Lager auf Lesbos

  • AFP - 17. September 2020, 16:18 Uhr
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Polizisten weckten die im Freien schlafenden Migranten
Bild: AFP

Nach dem Brand im Lager Moria hat die griechische Polizei am Donnerstag hunderte obdachlose Flüchtlinge zu dem umstrittenen, neuen Übergangslager auf der Insel Lesbos gebracht.

Nach dem Brand im Lager Moria hat die griechische Polizei am Donnerstag hunderte obdachlose Flüchtlinge zu dem umstrittenen, neuen Übergangslager auf der Insel Lesbos gebracht. In der heißen Sonne standen die Menschen Schlange vor dem neuen Camp, wie eine AFP-Reporterin berichtete. Bislang seien rund tausend Flüchtlinge in das neue Lager verlegt worden, sagte Zivilschutzminister Michalis Chrysochoidis.

Polizisten waren ab Donnerstagmorgen auf den Straßen von Lesbos von Schlafplatz zu Schlafplatz gegangen, um die dort campierenden, obdachlosen Menschen zu wecken und sie in das nach dem Brand in Moria eilig errichtete Notcamp zu bringen. Dort sollen alle auch einen Corona-Test machen. 

Insgesamt befinden sich nach Angaben des Migrationsministeriums bereits 2800 Migranten in dem neuen Camp - inklusive jener, die in den vergangenen Tagen freiwillig dorthin umgezogen waren. Viele Flüchtlinge weigern sich jedoch, in das Camp zu gehen, weil sie fürchten, dort erneut monatelang festzusitzen. 

Seit den Bränden im Lager Moria in der vergangenen Woche schlafen tausende Flüchtlinge auf Lesbos am Straßenrand und auf Supermarktplätzen unter notdürftig errichteten Schutzdächern aus Zweigen oder in Campingzelten.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtete, ihren Mitarbeitern sei in der Nacht der Zugang zu den Migranten verwehrt worden. "Ein Polizeieinsatz ist im Gange, um die Flüchtlinge ins neue Lager zu bringen. Das sollte aber nicht medizinische Hilfe verhindern", kritisierte die Organisation auf Twitter. Am Morgen durfte die Notfallklinik, welche die Organisation in der Gegend eingerichtet hat, wieder öffnen.

Die griechischen Behörden und die UNO bauen seit Samstag ein neues Lager, in dem nach ihren Angaben die Asylverfahren für die Migranten wieder aufgenommen werden sollen. Auf dem Gelände wurden 1000 Zelte errichtet, die jeweils Platz für acht bis zehn Personen bieten. Medizinische Versorgungsstationen sollen noch hinzukommen, zudem sind zwei Quarantänezonen geplant.

Das Technische Hilfswerk (THW) hat im Auftrag der Bundesregierung mehrere Hilfskonvois nach Griechenland geschickt. Rund 12.000 Schlafsäcke, 530 Zelte, 1400 Feldbetten, 2500 Isomatten und 2000 Decken sowie zwei Sanitärcontainer seien auf dem Weg dorthin oder bereits angekommen, teilte das THW am Donnerstag mit.

Viele Einwohner von Lesbos wehren sich gegen das neue Lager und fordern, dass die Flüchtlinge nach den jahrelangen, katastrophalen Zuständen im Lager Moria nun andernorts untergebracht werden müssten. Zivilschutzminister Chrysochoidis rechnet nach eigenen Angaben damit, dass die Flüchtlinge bis spätestens Ostern die Insel verlassen können. 

Nach dem Brand in Moria hatten sich zehn EU-Staaten bereiterklärt, rund 400 unbegleitete Minderjährige aus dem Lager aufzunehmen. Deutschland will bis zu 150 Kinder und Jugendliche übernehmen. Zudem sollen auch 250 weitere unbegleitete Minderjährige von anderen griechischen Inseln aufs Festland gebracht werden, wie die EU am Donnerstag mitteilte.

Die Notlage der Flüchtlinge hat die Debatte über eine Asylreform innerhalb der EU neu angefacht. Die EU-Kommission will nächste Woche einen Vorschlag für einen "neuen Pakt zu Migration" vorlegen. Er sieht laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Abschaffung der Dublin-Verordnung vor. 

Diese legt fest, dass für Asylanträge grundsätzlich das EU-Land zuständig ist, in dem ein Flüchtling zuerst europäischen Boden betritt. Dies führte dazu, dass Länder an den EU-Außengrenzen wie Italien und Griechenland in der Flüchtlingskrise vollkommen überlastet waren. 

Rom und Athen begrüßten am Donnerstag die geplante Abschaffung der Dublin-Verordnung. Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte sprach von einem "Wendepunkt". Der griechische Vize-Minister für Migration, Georgios Koumoutsakos, erklärte die Dublin-Verordnung für "gescheitert".

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