Politik

Papst beklagt "nationalistische Egoismen" im Umgang mit Flüchtlingen in Europa

  • AFP - 4. Dezember 2021, 15:05 Uhr
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Papst Franziskus am Athener Flughafen
Bild: AFP

Papst Franziskus hat die EU zu mehr Einigkeit im Umgang mit Flüchtlingen aufgerufen. Die 'von nationalistischen Egoismen zerrissene' EU wirke zuweilen 'blockiert und unkoordiniert, anstatt eine treibende Kraft der Solidarität zu sein', sagte er.

Papst Franziskus hat die EU zu mehr Einigkeit im Umgang mit Flüchtlingen aufgerufen. "Die von nationalistischen Egoismen zerrissene Europäische Gemeinschaft wirkt zuweilen blockiert und unkoordiniert, anstatt eine treibende Kraft der Solidarität zu sein", sagte das Oberhaupt der Katholiken am Samstag bei einer Rede im Präsidentenpalast in Athen. Er beklagte eine anhaltende "Zögerlichkeit Europas" in der Flüchtlingspolitik. Am Sonntag will der Papst Flüchtlinge auf der Insel Lesbos besuchen. 

Der Papst, der am Donnerstag und Freitag Zypern besucht hatte, war am Samstagmorgen in Griechenland eingetroffen. Am Flughafen wurde er vom griechischen Außenminister Nikos Dendias und hochrangigen Vertretern der griechisch-katholischen Gemeinde begrüßt. An dem Empfang im Präsidentenpalast nahmen neben Staatschefin Katerina Sakellaropoulou auch Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis und der für Migration zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Margaritis Schinas, teil.

Franziskus ist der erste Papst seit Johannes Paul II. im Jahr 2001, der Athen besucht. Dieser wiederum war der erste Pontifex, der die griechische Hauptstadt seit der Spaltung der orthodoxen von der katholischen Kirche im Jahr 1054 besuchte. 

Franziskus will die historisch schwierigen Beziehungen zur orthodoxen Kirche verbessern. Für Samstag stand unter anderem noch eine Begegnung mit dem griechisch-orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. auf seinem Reiseprogramm. In dem mehrheitlich orthodoxen Land sind nur rund 1,2 Prozent der Menschen Katholiken.

Der Papst will außerdem auf die Notlage tausender Flüchtlinge in Griechenland aufmerksam machen, die dort nach ihrer Überfahrt über das Meer gestrandet sind. Bei seinem Besuch in Zypern hatte er am Freitag "Folter" und Sklaverei" in Flüchtlingslagern angeprangert. Er sagte zu, rund 50 Flüchtlinge von Zypern nach Italien zu bringen, wo sie vom Vatikan unterstützt werden sollen. 

Der für Sonntag geplante Besuch des Papstes in einem Flüchtlingslager auf der Ägäis-Insel Lesbos knüpft an eine vorherige Visite von Franziskus an. Bereits 2016 hatte er Flüchtlinge auf Lesbos besucht. Damals nahm der Papst drei muslimische Familien aus Syrien aus dem Lager Moria mit in den Vatikan. Das Camp wurde dann bei einem Brand im September 2020 zerstört, daraufhin wurde das provisorische Lager Mavrovouni errichtet. 

Dort will der Papst am Sonntag zwei zufällig ausgewählte Familien treffen, wie die Lagerleitung ankündigte. "Wir erwarten ihn mit offenen Armen", sagte Berthe, eine aus Kamerun geflüchtete Bewohnerin des Lagers. 

Griechenland mit seinen Ägäis-Inseln war 2015 Hauptanlaufstelle für mehr als eine Million Asylsuchende gewesen, die überwiegend aus Syrien, Irak und Afghanistan kamen. Die griechischen Flüchtlingslager waren völlig überfüllt und wegen ihrer Zustände berüchtigt. 

In den vergangenen Monaten wurden in Griechenland mit finanzieller Unterstützung der EU mehrere "geschlossene" Flüchtlingslager gebaut. Sie sind mit Stacheldrahtzaun umgeben, mit Überwachungskameras und Röntgengeräten für Sicherheitskontrollen ausgestattet sowie mit magnetischen Türen und Toren, die nachts geschlossen bleiben. Im Gegensatz zu den früheren Flüchtlingslagern sind sie aber auch mit fließend Wasser, Toiletten und mehr Schutzvorkehrungen für die Bewohner ausgestattet. 

Menschenrechtsaktivisten kritisieren die neuen Lager. Sie beklagen, dass die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge eingeschränkt werde. 36 Nichtregierungsorganisationen wandten sich kürzlich in einem Brief an den Papst, um auf die Notlage der Menschen in den Lagern hinzuweisen. Zudem baten sie ihn um Hilfe, um mutmaßliche Pushbacks von Geflüchteten durch griechische Grenzbeamte zu stoppen. Die griechische Regierung bestreitet die illegalen Zurückweisungen. 

Sakellaropoulou betonte in ihrer Rede an der Seite des Papstes die "Menschlichkeit der Griechen und die unverhältnismäßige Last", die sie bei Bewältigung der Flüchtlingskrise getragen hätten. Ihr Land unternehme "alle erdenklichen Anstrengungen, um den illegalen Menschenhandel" zu verhindern, sagte die Präsidentin.

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