Sozialverbände kritisieren Verkürzung von Wehrdienst
Wohlfahrtsverbände sehen die Zukunft des künftig nur noch ein halbes Jahr dauernden Zivildienstes gefährdet.
03.11.2009 | Frankfurt/Main (AFP) - Aus Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Rettungsdiensten sind Zivildienstleistende kaum noch wegzudenken. Mehr als 75.000 junge Männer leisten derzeit in Deutschland Zivildienst. Doch Sozialverbände sehen den Dienst in Gefahr, weil dieser mit der geplanten Verkürzung der Wehrpflicht auch nur noch sechs Monate dauern würde. Das reicht nicht mehr aus, warnt etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband. Lediglich eine Veränderung des Zivildienstes, aber keineswegs dessen Aus erwarten dagegen Caritas und Diakonie. Einhellig fordern die Verbände dagegen, das freiwillige soziale Jahr attraktiver zu machen.
Mit einer Kürzung auf sechs Monate werde der "Anfang vom Ende des Zivildienstes" eingeläutet, zeigte sich der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, überzeugt. Die Zivildienstleistenden könnten damit nicht mehr vernünftig eingesetzt werden, sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Als Beispiel nannte Schneider den Rettungsdienst, wo allein die Ausbildung bereits drei Monate dauert.
Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) befürchtet den Verlust der jungen Helfer in diesem Bereich. Im Rettungsdienst und beim Krankentransport könne bei der derzeit gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildung kein Einsatz von Zivildienstleistenden mehr erfolgen, erklärte der DRK-Landesverband Nordrhein. Dadurch würden zudem die Kosten in diesem Bereich enorm steigen.
In der Pflege könnte ein kürzerer Zivildienst ebenfalls erhebliche Auswirkungen haben. Es könne den Menschen einfach nicht zugemutet werden, "alle halbe Jahre die Bezugsperson zu wechseln", sagte Schneider. DRK-Sprecherin Svenja Koch betonte, Altenpflege mache niemand von heute auf morgen. Auch die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft (DKG) verweist auf die notwendige Einarbeitungszeit. Die Zivildienstleistenden übernähmen im stationären Bereich einfachste Tätigkeiten, für die aber auch eine vernünftige Einarbeitung von etwa drei Monaten gebraucht werde, sagte DKG-Sprecher Moritz Quiske. Es werde nun befürchtet, dass sich bei sechs Monaten der Aufwand kaum noch rechne.
Weniger Probleme haben dagegen die Diakonie und der Caritas-Verband mit den Plänen der Bundesregierung. Die geplante Verkürzung werde zwar das Profil des Zivildienstes verändern, erklärte Caritas-Präsident Peter Neher. Jedoch könne der Zivildienst auch künftig als "ein wichtiger Lerndienst" gestaltet werden.
Diakonie-Experte Wolfgang Buff zeigte sich überzeugt, dass eine Verkürzung "keine existenziellen Auswirkungen" hätte. Es gehe mit sechs Monaten, auch wenn es zum Teil schwierig werde. Der Dienst müsse nur für beide Seiten "sinnvoll" gestaltet werden. Buff erinnerte zudem an die Ursprünge des Zivildienstes, der für Kriegsdienstverweigerer geschaffen wurde. Der Zivildienst sei nicht erfunden worden, "um soziale Leistungen sicherzustellen." Wer Regelleistungen darauf aufbaue, handele "unverantwortlich".
Einig sind sich die Verbände in ihrer Forderung, das freiwillige soziale Jahr aufzuwerten. Buff appelliert etwa an die Politik, das beim Zivildienst eingesparte Geld in diesen Bereich fließen zu lassen. Der Diakonie-Fachmann mahnt zudem, die praktischen Probleme bei einer Verkürzung im Blick zu behalten. Als Beispiel nennt er etwa die Frage, wie junge Männer im Anschluss an einen kürzeren Zivildienst möglichst schnell eine Berufsausbildung oder ein Studium aufnehmen können. In den großen Aufschrei anderer Verbände will er deshalb aber noch lange nicht einstimmen. Für die Diakonie, sagt Buff, sei vielmehr klar: "Wir jammern nicht."